Claus Theurer Westernreiten

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr?“ oder was tun mit jungen Pferden? – Teil 3

Fachbeitrag in der Zeitung „Pferdeland Rheinland-Pfalz“ - Ausgabe 09/10

In dem letzten Teil dieser Ausbildungsreihe geht es um das solide Anreiten eines in der Regel dreijährigen Jungpferdes. Der Ernst des Reitpferde-Lebens kann also ab diesem Zeitraum langsam beginnen. Doch auch hier gilt wieder: nur wer mit Bedacht, Ruhe und dem nötigen Horsemanship an die Sache ran geht, wird Erfolg haben. Grade diese ersten, so wichtigen Schritte im Leben eines Reitpferdes sollten einhundertprozentig gut verlaufen. Können Sie das nicht gewährleisten, geben Sie ihr Pferd in die kompetenten Hände eines Ausbilders.


Durch die Anwesenheit des Handpferds bleibt das Jungpferd auch in
ungewöhnlichen Situationen ruhig, das Aufsteigen ist deutlich
stressfreier.
Im Kreis herum rennen kann jeder?
Longieren am Kappzaum oder Knotenhalfter ist mehr als nur das Pferd im Kreis rennen lassen. Richtig gemacht gymnastiziert es das junge Pferd, das Pferd lernt sich besser auszubalancieren und auch selbst zu tragen. Muskeln und Kondition werden langsam aufgebaut, die später wichtig sind um das Reitergewicht tragen zu können. Zudem gewöhnt man das Pferd an Stimmkommandos für Gangartwechsel, welche beim späteren Reiten sinnvoll weiterverwendet werden können. Wichtig beim Longieren sind große Zirkel und häufige Handwechsel um Bänder, Gelenke und Sehnen zu schonen. Wer möchte kann seinem jungen Pferd auch einen Longiergurt anlegen, der das Pferd bereits an leichten Druck um den Bauch herum gewöhnt. Der Vorteil des Longiergurts ist, dass man ihn nicht so stark gurten muss wie einen Sattel. Sollte der Gurt mal rutschen, ist dies nicht so schlimm, als wenn der Sattel rutscht und gar an der Bauchseite hängt.

Gewöhnen an den Sattel
Das junge Pferd hat im Idealfall bereits während der Bodenarbeit das Auflegen eines Pads oder einen Longengurt kennen gelernt. Bewegungen hinter und über ihm sind nichts Neues mehr. Vor dem ersten Sattelkontakt sollte man das Pferd stets locker an der Longe aufwärmen, um sowohl den ersten „Dampf“ abzulassen, als auch Zerrungen vorzubeugen, die beim eventuellen späteren Buckeln zu Verletzungen führen können. Man sollte das Pferd am Sattel kurz schnuppern lassen und ihn dann vorsichtig in der Halle oder auf dem Platz auf den Rücken legen, den Gurt vorsichtig anziehen, aber nur so fest, dass der Sattel nicht rutscht. Die ersten Male sattelt man niemals am Putzplatz. Das Pferd könnte erschrecken und sich panisch in den Strick hängen. In der Regel stört es ein gut vorbereitetes Pferd nicht, dass nun etwas Ungewöhnliches auf dem Rücken ist. Buckeln mit Sattel sollte wenn möglich immer vermieden werden. Es ist normal, dass die Pferde im Trab etwas seltsam nach hinten schauen, wenn die Bügel an den Bauch kommen (beim Westernsattel nicht vermeidbar, allerdings ist dies auch eine gute Übung um Reiterbeine zu simulieren). Eventuell buckelt das Pferd ein-/zweimal um den Störenfried los zu werden, wird aber bald akzeptieren, dass keine Gefahr vom Sattel ausgeht. Wichtig ist, dass man das junge Pferd an der Longe im Trab vorwärts schickt, damit es sich nicht zu sehr mit dem Sattel beschäftigt ist und anfängt stark zu bocken. Denn das ist auf keinen Fall wünschenswert.
Akzeptiert das Pferd den Sattel gut, sollte man aufhören und am nächsten Tag erneut nach kurzem Aufwärmen an der Longe aufsatteln, so lange, bis das Satteln zur Routine wird. Erst dann kann man das Pferd am Putzplatz fertig machen.

Das erste Gebiss
Nach dem ersten Sattel folgt das erste Gebiss. Gut geeignet sind nicht zu dicke, einfach oder doppelt gebrochene Wassertrensen, die von guter Qualität sein sollten. Das Jungpferd wird mit Gebiss longiert, die Longe ist dabei zu anfangs immer im Knotenhalfter eingehangen. Die Zügel werden entweder entfernt oder am Sattelhorn verknotet. Der Vorteil von der Verknotung am Horn: Die Zügel flappen am Hals des Pferdes und es gewöhnt sich an die Bewegung, ebenso wie an die wippenden Steigbügel.

Doppellonge
Hat das Pferd die Grundkommandos Schritt, Trab, Galopp, Stopp, Wenden und Rückwärts an der Longe verstanden, kann man langsam einen Schritt weiter gehen und mit der Doppellongenarbeit beginnen. So kann man noch gezielter die Hinterhand des Pferdes aktivieren, das Pferd tritt deutlich besser unter, es nimmt mehr Last auf, wölbt den Rücken auf und lässt nach einer gewissen Zeit auch ganz automatisch – ohne Ausbinder – den Hals fallen. Ich persönlich verwende kaum Ausbinder, das das Pferd so schlechter die Ballance findet, es stützt sich auf den Zügel auf. Zudem schränken Ausbinder so vorne die Leichtigkeit der Schulter ein. Das junge Pferd sollte also lernen, ganz ohne Hilfszügel seinen Takt und Schwung zu finden und losgelassen an der Longe zu laufen. Das Gebiss wird über die Doppellongenarbeit eingebracht.


Die ersten Lenkversuche. Das Führpferd gibt die Richtungstendenz
vor, der Reiter lenkt dann in die entsprechende Richtung.
Die wichtige Rolle eines Führpferds
Hat sich das Jungpferd an Sattel und Trense an der Longe gewöhnt, kann man mit dem Handpferdereiten in der Halle beginnen. Ein ruhiges und vor allen Dingen freundliches Führpferd trägt den Reiter, das Handpferd läuft auf Schulterhöhe des Reiters nebenher. Das Tempo, die Gangarten und die Richtung werden immer wieder gewechselt, um Aufmerksamkeit des Handpferds auf das Tun und Handeln des Reiters zu erlangen, aber auch um eine gewisse Durchlässigkeit auf die Hilfen zu erhalten. Die Stimmkommandos von der Longenarbeit wirken unterstützend. Der Reiter gibt Signale (eine Art erste „Hilfen“) über das Knotenhalfter an das Jungpferd weiter. Diese „Hilfen“ leisten später gute Dienste, wenn später das erste Mal jemand auf dem Jungpferd sitzt. Auch das erste Drüberlegen und Aufsteigen geschieht mit Handpferd. Eine sattelfeste und ruhige Person steigt in die Bügel, legt sich über das Pferd und sitzt auf. Auch dies stellt in der Regel kein großes Problem dar, da das Jungpferd ja bereits durch Handpferdereiten Bewegungen von Oben kennt. Sitzt man das erste Mal im Sattel sollte man ruhig geschwätzig sein, dann klappt das lockere Ein- und Ausatmen von Ganz alleine. Man sollte so entspannt und locker wie möglich auf dem Pferd sitzen, um dem Jungpferd eine Selbstverständlichkeit zu vermitteln. Wer krampft und steif wird, überträgt diese Stimmung automatisch auf das junge Pferd, welches sich sofort verspannen wird. Locker sein ist daher die Devise.

Ein paar Minuten genügen
Ebenso wie bei allen anderen Übungen gilt auch hier wieder, dass man das junge Pferd nicht überanstrengt. Nach ein bis zwei Runden Schritt sollte der Passagier vorsichtig absteigen und es für das erste Mal dabei belassen. Es ist durchaus sehr anstrengend für das Jungpferd jemanden auf seinem Rücken zu tragen. Langsam sollte man die Intervalle steigern. Super sind auch Pausen zwischendurch, bei denen das Pferd einfach nur ruhig stehen bleiben soll. Sitzt der Reiter die ersten paar Mal auf dem Pferd, sollte er absolut passiv sein. Alle Hilfen gehen vom Führpferdereiter aus, um das Jungpferd erstmal nicht zu verunsichern. Nach und nach gibt der Jungpferdereiter unterstützende Hilfen, die später ganz ohne den Führpferdereiter auskommen. Das Jungpferd lernt die neuen Hilfen so extrem schnell und man merkt einen deutlichen Lerneffekt. Es entsteht ein fließender Übergang von Stimm- und Strickkommando zu den späteren Zügel- und Schenkelhilfen. Klappt im Schritt alles, kann man durchaus auch in den Trab oder je nach reiterlicher Fortbildung sogar in den Galopp übergehen. Im Trab sollte man zu Anfang aussitzen, gegebenenfalls mit dem Tempo etwas runter gehen, um das Aussitzen zu erleichtern. Leichttraben bringt noch zu viel Unruhe in den Reiterkörper und macht viele Pferde hektisch. Erst wenn sich das Pferd in die neue Situation eingefunden hat, kann leichtgetrabt werden.

Frei Reiten ja, aber bitte mit Führung
Sind Jungpferd und Reiter sicherer geworden, so kann man den Führstrick los machen, sollte aber am Anfang deutlich in der Nähe zum Führpferd bleiben. Das Führpferd gibt dem Jungspund in kritischen Situationen halt, der vertraute Partner ist immer noch in der Nähe. Bei Bedarf ist der Führpferdereiter schnell in der Nähe und kann in Schrecksituationen Ruhe ins Jungpferd bringen. Zudem sucht das Jungpferd in Gefahrensituationen beim alten Lehrmeister Schutz. Nach kurzer Zeit kann man – wenn die Vertrauensbasis zwischen Pferd und Reiter gefestigt ist – auch ohne Probleme alleine in der Halle reiten.
Klappen alle drei Grundgangarten und das Anhalten sicher, kann man mit dem Führpferd auch mal auf den Platz oder eine kleine Runde ins Gelände gehen, auch hier vermittelt das erwachsene Pferd Sicherheit.


Ist das Jungpferd gut steuerbar, kann man den Strick lösen und die
ersten Runden ohne Führpferd drehen. Das Führpferd bleibt in der
Halle und vermittelt dem unerfahrenen Pferd Sicherheit.
Weiteres Arbeiten in der Halle
Junge Pferde sollten noch nicht in Bahnfiguren hinein gezwungen werden. Wichtig ist, dass man viel Geradeaus reitet, vielleicht auch mal ein paar Zirkel oder Wendungen, aber immer in erster Linie mit dem Ziel, das Pferd so simpel wie möglich vorwärts zu reiten und zu lenken. Man sollte das Jungpferd nicht mit zu vielen Hilfen überfordern, sondern eher aus dem Sitz heraus locker nach vorne reiten. Wichtig ist, dass man das Pferd in den ersten vier bis sechs Wochen vorwärts-abwärts reitet und es sich nicht an Bahnfiguren festfrisst.
Kommt zum Beispiel die Schulter des Pferdes rein oder fängt es an leichte Schlangenlinien zu gehen, reitet man etwas flotter geradeaus, automatisch richtet sich das Pferd dann wieder gerade. Erst wenn das Pferd von sich aus rund läuft und seine Balance gefunden hat, arbeitet man an präziseren Schenkelhilfen u. ä.

Training interessant gestalten
Um Abwechslung in den Jungpferdealltag zu bringen, kann man immer wieder bereits sitzende Lektionen aus der Bodenarbeit einbringen, grade damit das Pferd kopfmäßig noch einmal abschalten kann. Dies dient aber auch der weiteren Motivation, indem es über gut sitzende Übungen das für die Ausbildung so wichtige Lob erfährt. Arbeiten sie stets ohne großen Druck und gehen Sie lieber noch einmal einen Schritt zurück, wenn etwas auf Anhieb nicht klappt, als zu schnell vorzupreschen. Denn wie heißt der schöne Spruch: „Immer langsam mit den jungen Pferden.“


Text: Claus Theurer

Fotos:
Maria Berger, Cassandra Mrotzeck