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Fachbeitrag in der Zeitung „Pferdeland Rheinland-Pfalz“ - Ausgabe 08/10
Mit einem erfahrenen Pferd vorne weg lernt das Jungpferd das Gelände spielerisch kennen. Netter Nebeneffekt: Es lernt außerdem, dass sich über ihm ein Reiter befindet und kennt unterschiedliche Bewegungen, die von oben kommen.
In der letzten Ausgabe konnten Sie u. a. lesen, welche wichtige Aufgabe die Mutter in der Erziehung und Lernphase des Fohlens spielt. Durch ihre Anwesenheit lernt das Fohlen entspannter und leichter alltägliche Dinge wie Hufegeben, Anbinden und Putzen. In diesem Teil geht es um die erste Form von Arbeit mit Jungpferden zwischen ca. 1 Jahr und 3 Jahren. Es dreht sich in diesem Artikel eigentlich um alles, was der Vorbereitung dient und so einen guten Grundstein legt, um ein entspanntes Anreiten zu gewährleisten.
Weniger ist auch hier wieder mehr
Auch im Alter bis 3 Jahre gilt, dass man das junge Pferd nicht überfordert. Sowohl körperlich, als auch geistig ist es noch lange nicht so belastbar wie ein Vier- oder Fünfjähriger. Minutenlanges Longieren, enge Wendungen, abruptes und zu häufiges Stoppen oder ähnliches sind tabu. Sehnen, Gelenke und Bänder sind für solche Zwecke noch nicht ausgelegt und es kann zu irreparablen Schäden führen, wenn man ein junges Pferd minutenlang auf derselben Hand im engen Kreis longiert. Zudem lässt die Konzentration sehr schnell nach und dem Pferd wird auch hier wieder schnell langweilig. Häufig kommt es dann zu „Widersetzlichkeiten“ oder Marotten aus purer Langeweile, die eine weitere sinnvolle Arbeit fast unmöglich machen und deshalb unbedingt vermieden werden sollten. Die Arbeit mit dem jungen Pferd sollte deshalb ausgewogen, vielseitig und spannend sein und nicht Kondition aufbauen oder gar in Exerzierarbeit ausarten. Deshalb ist es auch hier wieder sehr wichtig, dass man mit Sinn und Verstand an die Sache ran geht, ggf. mit Hilfe eines guten Trainers. Kleine Schritte führen auch hier wieder zum Erfolg.
Spielerisch lernen macht den Jungpferden Spaß und bereitet sie langsam auf den Ernst des Lebens vor.
Spaziergänge sinnvoll nutzen
Beim Spazieren gehen sollte man das junge Pferd nicht einfach nur neben sich her latschen lassen. Es darf weder voreilen, noch sollte es sich hinterher ziehen lassen. Bereits hier kann man Tempounterschiede im Schritt fordern, welches im fortgeschrittenen Stadium einzig und alleine durch die Gehbewegung des Menschen verursacht werden sollte. Betreibt man dies richtig, wird man sehr schnell feststellen, wie fix sich das junge Pferd auf den Menschen einschießt und genau die Bewegung mitverfolgt. Ohne großes Ziehen am Knotenhalfter sollte das Jungpferd anhalten, wenn man selber anhält usw. Oft ist es nicht verkehrt sich vorher einmal das Prinzip bei einem Bodenarbeitskurs anzuschauen. Zudem lernt das Pferd dort eine neue Umgebung kennen, sieht fremde Pferde und andere Übungsgeräte.
Das junge Pferd sollte beim Spazierengehen an Situationen gewöhnt werden, die ihm auch als Reitpferd begegnen können. Ein kleiner Abendspaziergang durch das Neubaugebiet in der Nähe bereitet das Jungpferd hervorragend auf plötzlich auftretende Stresssituationen vor. Ein Kind auf einem Bobbycar begegnet einem dort ebenso wie Minibagger, Kreissägen, Rasensprenger, Grillgeruch, Gullideckel, Deutschlandfahnen und Trampolinspringer. In diesem Alter sollte man mit Knotenhalfter, Handschuhen und langem Strick bewaffnet ruhig auch etwas knifflige Situationen meistern und sich nicht scheuen auf neue Herausforderungen einzulassen. Denn man kann wieder zwei ganz klare Vorteile eines Jungpferdes nutzen: Erstens sind Jungpferde extrem neugierig und offen für Neues, daher auch leichter zu überreden an unheimlichen Dingen vorbei zu gehen und zudem sind sie leichter in Schrecksituationen zu halten, als ein ausgewachsenes Pferd, was sich mit 500 kg in den Strick wirft. Macht man solche Spaziergänge einmal die Woche und geht als Leittier souverän voran, wird man bereits nach kleinen Trainingseinheiten (ca. eine halbe Stunde) feststellen, wie das Vertrauen zwischen Mensch und Tier wächst.
Ist das Pferd bereits älter, kann man die Spaziergänge auch ausdehnen und gemeinsam Wald und Flur um den Hof herum erkunden. Ein gut ausgebildetes Handpferd leistet dabei gute Dienste, wenn man selber nicht die Siebenmeile-Stiefel auspacken möchte. Allerdings sollte man nicht nur mit Führpferd unterwegs sein, damit das junge Pferd lernt sich ohne großes Geschrei vom Hof auch ohne ein weiteres Pferd zu entfernen und ganz alleine und völlig entspannt gemeinsam mit seinem Menschen zu lernen.
Wenn man ein Jungpferd in eine Plastikplane einpacken kann, dann hat man bereits sehr gute Vorarbeit geleistet.
Was uns nicht umbringt, härtet uns ab
Getreu diesem Motto kann man auch bereits sehr früh das Pferd an alltägliche Dinge gewöhnen, wie Abduschen, Schweif waschen, Einsprühen mit Fliegenspray usw. Je normaler solche Situationen für das junge Pferd werden, desto abgehärteter wird es auf unbekannte Geräusche / Gerüche. Es kann auch nicht schaden das junge Pferd neben den Schmiedeplatz zu stellen, wo Eisen aufgebrannt werden, der typische Geruch in Rauchschwaden durch die Luft zieht und ungewöhnliche Geräusche von Ofen und Amboss zu vernehmen sind. Manche denken vielleicht, dass solch eine Konfrontation selbstverständlich ist, die Erfahrung zeigt aber, dass solche banalen Dinge einfach gerne vergessen werden zu Üben und beim ersten Beschlagen ist der Stress für das Pferd dann deutlich größer.
Sinnvolle Bodenarbeit
Im Prinzip ist alles Neues, was ich dem jungen Pferd zeige, gut für die weitere geistige Entwicklung. Deshalb kann es – wenn man es richtig macht – auch nicht schaden, ein junges Pferd an Plastikplanen, schwenkende Fahnen, Bälle, Pylonen und Stangen zu gewöhnen.
Spielerisch kann man einen kleinen Parcours absolvieren, wo das Pferd lernt verschiedene Aufgaben zu bewältigen. Dabei sollte man die einzelnen Stationen immer mal wieder räumlich und optisch variieren, um das Gewohnheitstier Pferd bewusst auflaufen zu lassen. Denn wer kennt das nicht? Man reitet zum 148sten Mal in der alt bekannten Halle und plötzlich legt jemand einen Jacke auf die Bande, 80 % aller Pferde werden wie ein Ochs vorm Berg stehen bleiben und das unbekannte Ding beschnobern. Oft reicht bei der Bodenarbeit schon eine andere Planenfarbe aus, um das Pferd völlig aus dem Konzept zu bringen.
Hat man ein bereits gut konditioniertes Pferd (bezogen auf neue Situationen), welches einem vertraut und stets gut mitarbeitet, so kann man auch Dinge über den Rücken legen.
Eine alte Schabracke tut da sehr gute Dienste. Man kann das Pferd erst damit am Kopf berühren, die Beine und den Rücken bestreichen und später auch mal auf den Rücken legen und von unterschiedlichen Seiten bzw. über die Kruppe wieder herunter ziehen. So kann man auf der einen Seite das Jungpferd auf das spätere Satteln vorbereiten, trainiert aber auch gleichzeitig in abgespeckter Form das Decke auf und abziehen. Klappt dies gut, kann man das Ganze mit einer knisternden Plane probieren. Auch ein Ball, der vom Rücken auf den Boden fällt oder durch die Luft geworfen wird ist eine sehr gute Übung für ein zukünftiges Reitpferd. Auch große Gymnastikbälle, die man zu Pferdefußbällen umfunktioniert bringen Abwechslung in den Trainingsalltag. Rückwärtsgehen in einer Stangengasse simuliert das Aussteigen aus dem Hänger und kann als vorbereitende Maßnahme für zuverlässiges Ein- und Aussteigen verstanden werden. Grade Hängerfahren wird meist zu wenig mit Pferden geübt. Auch hier ist es für das junge Pferd einfacher, in den Hänger zu gehen, da die Innenmaße ja deutlich größer wirken für ein kleines Pferd. Denn der Hänger wächst ja leider nun mal nicht mit. Auch diese naturgegebene Sache wie die kleinere Größe des Pferdes sollte man sich beim Hängertraining zu Nutze machen. Wichtig: Kurzes Anbinden verhindert ein Umdrehen bzw. ein Unterkriechen der Stange.
Freispringen ist eine gute Abwechslung zur Bodenarbeit, sollte aber grade bei Jungpferden nicht übertrieben werden, da es die sich noch im Wachstum befindenden Bänder und Knochen zu stark belastet.
Der Kreativität in Punkto Bodenarbeit sind keinerlei Grenzen gesetzt, einzig und alleine sollte man eins bedenken: Das Pferd geistig fordern ist die eine Seite, zu erkennen, wann es überfordert ist, die andere. Aus diesem Grund geht man auch hier wieder in kleinen Schritten voran und arbeitet sich von Hindernis zu Hindernis vor. Nicht alles muss in einer Woche erarbeitet werden, immerhin hat man gute 1,5 Jahre Zeit.
Longe und Freispringen
Diese beiden Elemente sind sinnvoll, sollten aber nur dezent ab einem Alter von 2 Jahren eingesetzt werden.
Es spricht nichts dagegen, ein junges Pferd ein paar Mal im Kreis um sich herum zu führen bzw. später auch mal alleine einige Runden drehen zu lassen.
Auf Galopp sollte aber verzichtet werden. Ein paar Trabtritte reichen völlig aus, denn in erster Linie soll es bei der Longenarbeit um das Abfragen von Gehorsam gehen. Je nach Reitweise werden unterschiedliche Kommandos für Anhalten, Schritt und Trab verwendet. Es ist auch egal, ob man „Brrrr“ oder „Whoa“ sagt, man sollte nur immer ein Kommando für dieselbe Sache verwenden und das Pferd bei der Arbeit nicht zuquatschen. Sonst kann es der Stimme nicht folgen und ist schnell irritiert. In keinem Fall sollte man die Longenarbeit übertreiben. Bis ein Pferd dreijährig ist, muss es nicht regelmäßig an der Longe gearbeitet werden.
Freispringen oder über erhöhte Stangen traben bringt ebenfalls Abwechslung in den Jungpferdealltag, ist aber nicht nur für Springtraining geeignet, sonder für jede Art von Reitweise. Es dient der Gymnastizierung und fördert die Balance. Der Rücken wird aufgewölbt und die Rückenmuskulatur gelockert. Die Hindernisse sollten aber nicht zu hoch und weit sein, zudem sollten enge Wendungen sowie abruptes Abbremsen vermieden werden.
Hat das Jungpferd verstanden, wie man sich korrekt führen lässt, so ist es egal, wer an der anderen Seite des Stricks das Kommando übernimmt. Im Gleichschritt geht es – natürlich unter Aufsicht - zurück zum Stall.
Auf Druck weichen
Auch das kann man im kleinen Rahmen bereits früh üben. Grade beim Westernreiten möchte man ein Pferd, welches auf eine einmalig gegebene Hilfe willig reagiert. Man kann das zweijährige Pferd bei der Bodenarbeit durch Druck mit dem Daumen am Bauch von sich weichen lassen, bei fortgeschrittener Ausbildung auch das Pferd in seine vier „Teile“ Hinterhand, Rumpf, Vorhand und Hals/Kopf zerlegen und diese vier Teile einzeln versuchen zu bewegen. Dies erleichtert, dass das Pferd beim Anreiten bereits grob weiß, wie der Schenkeldruck zu verstehen ist.
Wie immer: Die Dosis macht das Gift
Der ein oder andere Leser wird der Meinung sein, man würde dem Jungpferd durch Training seine „Kindheit“ nehmen. Zieht man einen Vergleich zu Kindern, dann schickt man diese ja auch nicht erst zum Abitur in die Schule, sondern sie durchlaufen einzelne Stufen der Schule und auch der Erziehung. Und genauso sollte Lernen auch fürs Pferd gesehen werden. Die Anforderung sollen peu à peu bei einem jungen Pferd gesteigert werden. Pferdekinder müssen viel Freiheit haben und viel Spielen können, trotzdem sollte Struktur in der Ausbildung sein, damit man später für lange Jahre einen verlässlichen Freizeitpartner erhält.
Denn wer ein solch gut vorbereitetes Pferd in Beritt bekommt, wird es deutlich leichter haben. Auch für das Pferd ist Arbeit dann kein Fremdwort mehr und es geht viel gelassener ins tägliche Training. Durch die Desensibilisierung ist das Pferd weniger schreckanfällig und steht selber deutlich weniger unter Stress. Ein nicht ganz unwesentlicher Faktor: es bringt sich und andere auch deutlich weniger in Gefahr.
In Teil 3 lesen Sie, wie es mit der Jungpferdeausbildung weiter geht.
Text:
Claus Theurer
Fotos:
Maria Berger, Cassandra Mrotzeck
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