Claus Theurer Westernreiten

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr?“ oder was tun mit jungen Pferden? – Teil 1

Fachbeitrag in der Zeitung „Pferdeland Rheinland-Pfalz“ - Ausgabe 07/10


Hat man bereits das Fohlen mit der Mutter an fremde Umgebung
gewöhnt, kann man auch mit einem Jährling recht problemlos
kleinere Shows besuchen. So gut vorbereitet steht dem ersten
stressfreien Turnierstart später nichts mehr im Wege.
Oft fragt man sich als Fohlenerstbesitzer, was man denn nun in der Zeit bis zum Anreiten mit seinem Jungpferd tun soll, welches man aus der eigenen Stute gezogen oder aber als Absetzer gekauft hat. Drei Jahre wegstellen oder jeden Tag etwas machen? Was muss ein Jungpferd alles lernen? Wie bereite ich ein junges Pferd sinnvoll auf den Ernst des Lebens vor? Die wohl wichtigste Frage ist aber, ist man selber mit dem nötigen Sachverstand ausgestattet, um ein Jungpferd auf das Leben als zukünftiges Reitpferd vorzubereiten ohne großen Schaden anzurichten?

Purzelt ein Fohlen auf die Welt, ist im Stall meist großer Bahnhof angesagt. Verschiedenste Leute kommen und gehen, um das kleine Pferd zu bewundern. Der stolze Eigentümer wird sich so manchen gut gemeinten Rat zur Fohlenaufzucht und –erziehung anhören dürfen. Wahrscheinlich werden fünf Personen sechs verschiedene Meinungen haben und der frisch gebackene Jungpferdebesitzer wird danach genauso schlau sein wie vorher.
Dieser Artikel soll verdeutlichen, wie wichtig ein konsequentes und regelmäßiges Beschäftigen mit dem Fohlen für die spätere Ausbildung ist. Er soll als grober Orientierungsfaden verstanden werden und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der Artikel ist in drei Teile aufgeteilt. Teil 1 (Zeitraum 1. Lebensjahr) kann als Kindergarten für das Jungpferd verstanden werden, Teil 2 (Zeitraum Jährling bis zum Anreiten) als Grundschule und Teil 3 (Zeitraum Anreiten) als weiterführende Schule.

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden?
Voraussetzung für eine solide Basisausbildung ist immer, dass die Erziehung mit dem nötigen Pferde- und Menschenverstand betrieben wird. Weder inkonsequentes Handeln noch übermäßiges Betüddeln sind für die Jungpferdeausbildung sinnvoll. Ein rohes dreijähriges Pferd, was weder Halfter noch Führen kennt, ist allen Trainer lieber, als ein verzogenes Jungpferd, welches gelernt hat, dass man dem Menschen nicht trauen, ihn umrennen, missachten, nach ihm ausschlagen und / oder beißen kann, ohne dass eine Art von Konsequenz erfolgt. Ehe man sich versieht, hat man sich ein Problempferd groß gezogen, welches nur schwer durch einen Profi wieder zu korrigieren ist. Im allerschlimmsten Fall wird solch ein Pferd, welches durch Menschenhand und falsch verstandene Tierliebe verzogen wurde, durch viele Hände gereicht, landet später beim Händler oder gar Metzger. Nicht selten sind davon Junghengste betroffen, die in inkonsequenten Freizeitreiterhänden zu einer echten Gefahr für sich und ihre Umwelt werden. Ein den Menschen ansteigendes vier Wochen altes Hengstfohlen mag vielleicht süß sein, macht dies ein Dreijähriger, der nicht gelernt hat, dass solch ein Verhalten absolut nicht beim Menschen erwünscht ist, kann es zu schweren Verletzungen kommen. Der Leittragende hierbei ist zum Schluss immer das falsch verstandene Pferd, was nicht selten die Inkompetenz seiner Vorbesitzer mit dem Leben bezahlen muss. Auch wenn es bei vielen Leuten an der eigenen Ehre kratzt: Jungpferdeerziehung und -ausbildung – insbesondere die von Junghengste – ist nicht einfach und man sollte sich stets im Klaren darüber sein, dass je nach Charakter des Tieres die Ausbildung nicht von Jedermann zu bewerkstelligen ist.
Traut man sich aber zu, ein Jungpferd auszubilden, so wird man gemeinsam eine sehr schöne und für beide Seiten sehr einprägsame Zeit genießen können.

Jede noch so kleine Beschäftigung mit dem Jungpferd ist Training
Alles was man mit dem jungen Pferd macht kann als Training verstanden werden, egal ob positiver oder negativer Art. Das bedeutet, dass das Fohlen nicht nur gewünschte Dinge lernt, sondern auch sehr schnell Fehlverhalten. Laufe ich dem Fohlen auf der Wiese mit Halfter in der Hand hinterher und ich schaffe es nicht, es zu fangen, so wird es sich für das nächste Mal gemerkt haben, dass es mit Weglaufen durch gekommen ist. Denn was das Pferdekind einmal falsch gelernt hat, ist einem erwachsenen Pferd durchaus sehr schwer wieder abzugewöhnen.


Bei aller Motivation zum Training sollte man
nicht vergessen, dass die Jungpferde sich nur
kurz konzentrieren können. Das wichtigste für
Jungpferdeausbildung sind lange,
ausgedehnte Pausen, die sie am besten auf
der Weide erleben.
Gute Gründe für das frühe „Arbeiten“ mit unter Einjährigen
Für die „Arbeit“ mit jungen Pferden spricht, dass sie unheimlich schnell neues lernen, ähnlich wie Hundewelpen. Spielerisch, aber mit dem nötigen Ernst kann man ohne großen Stress alltägliche Dinge wie Putzen, Anbinden und Hänger fahren üben, denn in den ersten sechs Lebensmonaten hat das Fohlen den besten Lehrmeister, den man sich vorstellen kann, immer mit dabei: die Mama. Ganz junge Fohlen machen ihren Müttern alles nach. Sie schauen sich z. B. das Grasfressen ab, lernen das Sozialverhalten usw. Ist die Mutter in der Nähe, ist auch der Stress deutlich geringer. Geht die Mutterstute durch einen Bach oder in den Hänger, so versucht das Fohlen instinktiv zu folgen. Diesen Effekt sollte man sich zu Nutze machen. Denn stressfreier, als gemeinsam mit der Mutter, kann ein junges Pferd nicht lernen. Ebenfalls für die Arbeit mit Jungpferden spricht, dass sie sich in der Herde immer unterordnen müssen. Ihnen fällt es daher leichter, als z. B. einem dominanten Dreijährigen, sich etwas sagen zu lassen. Für sie bricht keine Welt zusammen, wenn sie plötzlich nicht mehr Chef sind, da sie es bis dato ja noch nie waren. Auch das bedeutet wieder deutlich weniger Stress und erleichtert das Lernen ungemein. Hinzu kommt die unermüdliche Neugierde, die ein Fohlen an den Tag legt. Auch das kann man sich zu Nutze machen. Da von Natur aus vom Fohlen immer erst einmal alles untersucht werden muss, braucht man fast nie große Überzeugungsarbeit zu leisten, sich dem fremden „Ungetüm“ zu nähern. Ein wirklich großer Vorteil für den Ausbilder ist, dass man mit einer halben „Portion“ arbeitet. Es ist ein deutlicher Unterschied, ob 100 kg am Strick in die andere Richtung gehen wollen oder aber 500 kg. Das heißt für beide Parteien am jeweiligen Ende des Stricks, dass beide weniger „fighten“ müssen. Auch dass bedeutet deutlich entspannteres Lernen.

Training ja, aber in Maßen
Eins darf man bei dem Arbeiten mit dem Jungpferd nie vergessen: Die Fohlen können sich nur wenige Minuten konzentrieren, sodass man sie nicht geistig überfordern darf. Klappt eine Übung gut, sollte man aufhören und nichts Neues mehr beginnen. Der eigene Ergeiz sollte grade bei der Jungpferdeausbildung immer hinten anstehen. Man muss auch nicht täglich üben, 2 – 3 mal die Woche oder sogar nur 4 mal im Monat reichen völlig aus.
Auch Gewaltmärsche von z. B. einigen Kilometern auf Schotter sollten vermieden werden. Die Grundvoraussetzung ist immer, dass das Fohlen Spaß am Lernen hat und gerne mitarbeiten will. 99 % des Tages sollte man daher dem Fohlen Ruhe gönnen und es einfach nur Pferdekind sein lassen. Die 10 Minuten am Tag, an dem man sich intensiver mit ihm beschäftigt, sollten deshalb besonders gut durchdacht sein, sodass die Arbeit auch Sinn macht.

Die ersten Monate im Leben eines Fohlens
In den ersten Lebensstunden eines Fohlens beginnt bereits die Prägephase. Wichtig ist, dass man wie ganz selbstverständlich in der Nähe des Fohlens präsent ist. Durch ruhiges und bedachtes Anfassen des Fohlens entwickelt sich schnell eine Normalität zwischen Mensch und Fohlen, der Mensch ist genauso wie die Mutter einfach anwesend. Aber: ein gesundes Mittelmaß an Kontakt zum Menschen ist im Sinne des Tieres für das Fohlen wünschenswert! Das Anfassen der Beine und des Kopfes sollte nach ein paar Tagen zur Selbstverständlichkeit werden. Auch das Festhalten oder sogar das Tragen des Fohlens sollte unkompliziert von Statten gehen. In den ersten Tagen lernt das Fohlen, dass es – auch wenn es am Anfang vielleicht strampeln sollte – mit Zappeln nicht weiter kommt und bei körperlicher Nähe, in Form von sanftem Druck ruhig bleiben soll.
Nach ein bis zwei Wochen kann man das Fohlen langsam und in Ruhe an das Aufhalftern gewöhnen, darf das Halfter aber niemals auf der Weide unbeaufsichtigt drauf lassen, da es sich das Fohlen mit seinen kleinen Hufen verheddern und Panik bekommen könnte. Auch das Führen neben der Mutter zum Auslauf sollte früh geübt werden, da es dem wenige Wochen alten Fohlen sehr viel leichter fällt, dicht neben seiner Mutter her zu laufen, als wenn mit drei Monaten der Tatendrang über das Fohlen hinein bricht und es sich immer weiter von der Mutter entfernt oder gar in die andere Richtung läuft. Ebenso kann man mit dem Einfangen von der Weide verfahren. Ganz ruhig und selbstverständlich nimmt man das Fohlen am Tor in Empfang, zieht das Halfter auf und führt es nah bei der Mutter in die Box. Auch das Hufegeben kann man bereits mit wenigen Wochen üben. Dabei sollte man die Hufe nur ein paar Zentimeter über dem Boden anheben. Niemals sollte man das Hufegeben so wie bei einem erwachsenen Pferd fordern und das Bein extrem anwinkeln. Dafür ist es noch zu früh, das würde das Fohlen nur unnötig aus dem Gleichgewicht bringen. Im Alter von drei Monaten kann man das Fohlen kurz von der Mutter weg führen oder es für wenige Minuten in der Box lassen. Am Besten, wenn die gewohnten Boxennachbarn in der Nähe sind, die dem kleinen Pferd seelischen Halt geben. Bereits kurze Trennungsphasen erleichtern das spätere Absetzen ungemein. Langsam kann man die Zeiträume ohne Mutter verlängern. Bereits nach kurzer Zeit wird man feststellen, dass das Alleine bleiben kein Stress mehr für das Fohlen ist. Auch das Anbinden kann man bereits früh üben. Besonders gut eignet sich dazu die tägliche Kraftfuttergabe. Sicher angebunden neben der Mutter lernt das Fohlen schnell die etwas ungewohnte Situation mit etwas sehr positivem zu verbinden. Ganz nebenbei kann man eine kleine, dem Pferdekörper angepasste Bürste in die Hand nehmen und das Fohlen vorsichtig putzen. Die Länge der Anbindephasen sollte sich langsam steigern. Aber auch hier gilt, dass man ein Jungpferd oder Fohlen niemals unbeaufsichtigt anbinden sollte.


In neuen Situationen vermittelt die
Mutter dem Fohlen Sicherheit und sollte
am Anfang immer mit dabei sein. So lernt
das Fohlen stressfreier und der Mensch
hat es ebenfalls deutlich einfacher.
Arbeiten nach dem Absetzen
Durch das regelmäßige Alleinlassen des Fohlens ist es sehr gut auf das Absetzen vorbereitet. Erwachsene Pferde, z. B. ein braver Wallach oder eine „Tante“, mit denen das Fohlen in der Herde gestanden hat, geben zusätzlichen Halt. Sinnvoll ist, wenn man das Fohlen in der gewohnten Umgebung belässt und die Mutter weg stellt, um den Stress so gering wie möglich zu halten.
Hat der Absetzer gelernt sich sicher führen zu lassen, so kann man kleine Spaziergänge unternehmen. Geht man ohne ein anderes Pferd spazieren, so sollte eine gute Vertrauensbasis vorhanden sein, damit es für den Absetzer nicht zu stressig wird. Man sollte langsam aber stetig den Radius vom Hof weg vergrößern. Sinnvoll ist hierfür ein Knotenhafter mit langem Führstrick ohne Panikhaken zu verwenden. Die Ausflüge sollten für einige Grunderziehungen genutzt werden. Ein Jährling hat nicht zu drängeln, zu schubsen, vorzueilen, auf Füße zu treten oder davon zu stürmen. Er sollte einige Augenblicke stehen können, nicht zuviel wiehern und nicht eilig nach Hause eilen. Auch das Buckeln an der Hand sollte sofort unterbunden werden. Auch hier gilt wieder: Vertrauen ist die Basis jeder Zusammenarbeit mit dem Pferd, die Konsequenz darf dabei aber nicht fehlen. Mit der richtigen Führung wird der Jährling sehr schnell lernen, wie sich ein gut erzogenes Pferd an der Hand zu verhalten hat und ganz nebenbei verschiedene Situationen im Gelände kennen lernen. Wenn die Vertrauensbasis stimmt, kann man nun mit dem Jährling in Ruhe all die Sachen, wie Hängerfahren, Bach durchqueren und Straßenverkehr vertiefen, die er bereits mit der Mutter kennen gelernt hat.

In Teil 2 lesen Sie, wie es mit der Jungpferdeausbildung weiter geht.


Text:
Claus Theurer


Fotos:
Roberto Robaldo, Maike Thorun,